11. Juni 2008

Genussvoller Gehorsam
Café Bräunerhof

Es gibt einen eklatanten Unterschied zwischen pampigem Szenelokal-Servierpersonal und Misanthropen in Oberkellneruniform. Letzteren will man seltsamerweise gefallen, spurt, gibt devot Trinkgeld und wertet schon ein Zucken in den Mundwinkeln als Sieg. Eine Abwandlung des Stockholm-Syndroms? Wer jedenfalls die wunderbar schlechtgelaunte alte Garde vom Commercio vermisst, der kehrt in Wien im Café Bräunerhof ein.

Nur keine Umstände, hier kommt die dritte Station unserer Wien-Stadtrundfahrt mit Monika Katzenschlaeger und James Teal:

Tipp 3: Café Bräunerhof

Der Bräunerhof ist eine Wiener Institution, eine Lektion in Kaffeehauskunde, denn hier steht die Zeit seit langem still: Hinter einer unscheinbaren Eingangstür, an der die Touristenströme vorbeiziehen, verbirgt sich das prächtige Kaffeehaus mit morbidem Charme, dezent dekadent, schmuddelig elegant, mit halbblinden Spiegeln, abgewetzten Bänken, einigen Wasserflecken an den Wänden und einer Bedienung, die zwischen höflich distanziert und mächtig miesepetrig schwankt. Die Zeitungsauswahl ist international, das Publikum ein Gemisch aus Künstlervolk, Lokalprominenz, Studenten und Alteingesessenen, man liest, geniesst, beobachtet, parliert, grüsst verhalten und lässt sich gepflegt in Ruhe. Berühmt ist der Bräunerhof für seine Stammgäste wie Hugo von Hofmannsthal oder Thomas Bernhard, der seine Hassliebe in «Wittgensteins Neffe» wie folgt formulierte: «Im Bräunerhof reden mir die Leute zu laut oder zu leise, bedienen mir die Kellner zu langsam oder zu schnell, aber im Grunde ist das Bräunerhof gerade weil es gegen alles ist, das ich mir jeden Tag für mich in Anspruch zu nehmen getraue, das Wiener Kaffeehaus (...)»

Café Bräunerhof: Obwohl relativ gross, kann es an Wochenenden kurzzeitig knapp werden, doch mit etwas Geduld findet jeder sein «Platzerl». Sich zu jemandem dazuzusetzen, gilt jedoch als unhöflich. Im Kaffeehaus teilt man keine Tische. Öffnungszeiten: Montag bis Freitag: 7.30 Uhr bis 20.30 Uhr, Samstag: 7.30 Uhr bis 18 Uhr, Sonn- und Feiertage: 10 bis 18 Uhr. Café Bräunerhof, Stallburggasse 2, 1010 Wien, dass die Website nur lädt, wenn sie Lust dazu verspürt, passt irgendwie: www.braeunerhof.at

               


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